March 13, 2009 9:58 PM

Totschlagargumente

Obwohl ich denke, daß jede Person, gleich welchen Alters, Geschlechts oder kultureller Prägung irgendeinem der zigtausend verschiedenen Videospiele einen positiven Aspekt abgewinnen und ein schönes Erlebnis in Erinnerung behalten könnte, habe ich es längst aufgegeben, Personen missionieren zu wollen. Seien es moderate Skeptiker, die keine Zeit haben, sich mit Games zu beschäftigen oder sich durch andere Medien ausreichend gut unterhalten fühlen, oder ausgewiesene Videospiel-Gegner, die jedwedes Spielen für Zeitverschwendung halten und alle dargebotenen Inhalte als Schund erachten – Ihnen allen gestehe ich ihr gutes Recht zu, Spiele als kulturell wertlos, die Industrie als "zynisch" und "verkommen" zu bezeichnen, obwohl ich eine ganz andere Meinung vertrete.

Enorm großen Unmut ruft in mir jedoch hervor, daß vor allem in den etablierten Medien augenblicklich nicht nur Stimmung gemacht wird, sondern richtig gehend gegen eine Personengruppe mit einem bestimmten Hobby gehetzt wird. Der Stil der Reportagen und Kommentare ist häufig polemisch und pauschalisierend: Zugegeben, Gewalt wird in Spielen oft thematisiert, doch die Art und Weise, wie dies geschieht, ist vielfältig. Es lassen sich Beispiele finden, wo Gewalt glorifiziert wird, wo gewalttätige Handlungen ohne eindeutige Wertung dargestellt werden und wo Gewalt mit einem kritischen Abstand betrachtet oder geahndet wird; sowohl mit wie auch ohne Einwirkung der Spielerin oder des Spielers. Es wird psychische Gewalt in Form von Unterdrückung gezeigt, Gewalt im Sport, im Krieg, in Kriminalfällen. Man sieht Gewaltanwendungen mal sehr plastisch, mal extrem abstrahiert oder als Element der Komik. Dennoch werden phantastische Abenteuerspiele sowie realitätsnahe Actionspiele stets undifferenziert unter der gleichen Bezeichnung, dem sogenannten Killerspiel, genannt. Niemand käme jedoch auf die Idee, die Belletristik als Killerliteratur oder alle Filme, die nicht im Kulturkino laufen, als Killerfilme zu bezeichnen.

Prominente Figuren vom Schlage eines Fromm, Pfeiffer, Schäuble oder Alphonso, die gegen Videospiele geifern (und Konsumenten fiktionaler Unterhaltungsmedien manchmal in die Nähe von Kinderschändern und Nazis, die zur Verfolgung vom Migranten aufrufen, rücken, was ich für eine absolut niveaulose Entgleisung halte), halten teilweise nicht damit hinter dem Berg, daß sie selbst nie in direktem Kontakt zu Videospielen standen und stellen es gleichzeitig wie einen kausalen Zusammenhang dar, daß in den öffentlich bekannt gewordenen Fällen ein Videospiel der hauptsächliche Auslöser für die Bluttat gewesen sei. Und, daß solch eine latente Gefahr bei hunderttausenden anderen Jugendlichen bestünde.

Ich habe eine riesige Menge unterschiedlichster Videospiele gespielt und weiß aus eigener Erfahrung, daß ich physisch und psychisch extrem unterschiedlich darauf reagiere. Es kommt nicht nur auf die Inhalte der Titel an, sondern auch darauf, ob ich müde bin, viel Kaffee getrunken habe, unter Streß stehe, vorher in depressiver Stimmug bin, ob die Sonne scheint, ein Freund Geburtstag hat und so fort. Ein Spiel mit expliziter Gewaltdarstellung kann mich völlig kalt lassen, ein augenscheinlich harmloseres dagegen emotional sehr belasten oder körperlich unruhig machen. Durch den Kontakt mit vielen anderen an Spielen interessierten Personen gehe ich davon aus, daß zwei Menschen nie exakt gleich auf ein Spiel reagieren. Daher kann ich auch nicht mit Bestimmtheit behaupten, daß es nicht einmal bei einem "Klick" macht und er oder sie darauf hin ein fürchterliches Verbrechen begehen wird.

Videogames rufen Gefühle hervor, auch Aggression und Frustration, gemeinhin, denke ich, wird das Maß, in dem dies geschieht, jedoch überschätzt – Für unsere Polymieux-Artikel Games aufzulisten, die das Gefühl von Liebe oder Haß vermitteln, ist uns bisher alles andere als leicht gefallen. Daß ein simulierter Schußwechsel in einem First-Person-Shooter, bei dem man vor einem flachen Bildschirm sitzt, mit der einen Hand die Tasten des Keyboards und mit der anderen Hand die der Mouse drückt, einen auch nur annähernd auf den Gebrauch einer Waffe im realen Leben vorbereitet, erscheint mir sehr abwegig. Wenn man jedoch die Frage stellt, warum niemand nach dem Lesen eines Buches einen Amoklauf begeht, muß man auch die Frage stellen, warum dies auch bei der Ausübung des Wehrdienstes nicht geschieht. Dort wird auch, kaum abstrakt, der Umgang mit der Waffe geübt, es besteht Zugang dazu und junge Rekruten werden wahrscheinlich von ihren "Kameraden" ausgeschlossen und verspottet. Außerdem: Sollten derartige Fälle einmal bekannt werden (sowohl Buch wie auch Bundeswehr), wie würde man dort verfahren? Würden dann auch Wünsche nach strikten Verboten laut? Vielleicht hatte der jüngste Amok-Schütze ja auch eine Autobiographie von Monster Kody in seinem Besitz, es hat nur keiner danach gesucht.

A propos Suche: Weshalb kommt man gerade jetzt auf die Egoshooter? Was ist beispielsweise mit Genres wie dem Beat'em up, dessen Vertreter sich seit den frühen Achtziger Jahren großer Beliebtheit erfreuten und wieder erfreuen, die eine ähnliche technische Entwicklung wie die FPS nahmen und stets sehr gewalthaltig, aber meist ohne irgendein Korrektiv daher kamen? Gab es damals auch schon Berichte über martialische Kämpfer, die sich schwer bewaffnet über Wehrlose her machten?

Mir persönlich bleiben einfach zu viele offene Fragen und Unwägbarkeiten, als daß ich auf ein paar Personen hören würde, deren Interesse am "Schutz der Freiheit" möglicherweise viel eher ihrer Profilneurose geschuldet ist. Mein Vertrauen schenke ich lieber der Organisation, die sich seit Jahren mit der Wirkung von Videospielen aus einander setzt und diese auch tatsächlich spielt: Der USK. Würde der Jugendschutz erheblich verbessert, müßten wir Erwachsenen uns vielleicht weniger Sorgen um unsere Freiheit machen, spielen zu dürfen, was wir möchten.


Author: nille | Permalink | Category: kommentar, games | Comments: (0)

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