December 10, 2006 6:44 PM

What's NEXT?

Science is as corruptible a human activity as any other. Its practitioners aren't saints. They're human beings and they do what human beings do: Lie, cheat, steal from one another, sue, hide data, fake data, overstate their own importance and denigrate opposing views unfairly. That's human nature - It isn't going to change.
In Michael Crichtons neuem Science Fiction-Roman NEXT existiert kein "Master-Plan", kein wahnsinniges Genie, keine geheime Regierungsorganisation, kein Komet aus dem Weltall, es steht auch nicht die Existenz des halben Planeten auf dem Spiel - Zumindest wird eine globale Bedrohung nicht explizit erwähnt. NEXT warnt nicht mit erhobenem Zeigefinger vor den Risiken von ungezügelter Forschung und Technik, wie es vielleicht bei "Andromeda Strain" der Fall war, hier geht Crichton deutlich subtiler zu Werke.
Es werden nicht nur mögliche Gefahren portraitiert, sondern es wird auch ein hoffnungsvoller Ausblick, zum Beispiel auf die Heilung von Erbkrankheiten, gewährt. Die eigentliche Gefahr scheint nicht per se von der Technologie auszugehen, sondern von den Eitelkeiten, Sorglosigkeiten, Verwicklungen und der Gier der in episodischer Form portraitierten Beteiligten. Crichton bildet den ganzen Mikrokosmos des "nächsten großen Ding", der Gentechnik, in etwa so ab, wie Douglas Coupland die Arbeitsbedingungen der "Mikrosklaven" in der Software-Industrie.
Auch das Milieu in NEXT gleicht dem von "Microsklaven", es sind nicht allein Forscher und Labor-Techniker, die die Handlung bestimmen; sie befinden sich im Spannungsfeld zwischen Journalisten, PR-Beratern, Anwälten und Risiko-Kapital-Gebern, die ihre eigenen Interessen verfolgen und alle gern ein Stück vom Kuchen abbekommen würden. Vieles erinnert an die DotCom-Blase: Die großen Pharma-Unternehmen (und Universitäten, die sich kaum noch von Großkonzernen unterscheiden) sind von kleinen, innovativen StartUp-Firmen abhängig, die unter ernormen Druck stehen, marktreife Produkte zu entwickeln. Ethische Bedenken, Labor-Sicherheit, langwierige klinische Studien und Gesetzgebungsverfahren müssen in diesem Umfeld schon einmal hinter IPO und Return of investment zurück stehen.
Die Verlockungen durch das ganz große Geld in diesem Geschäft sind groß. So kommt es im Buch dazu, daß hinterrücks lebendigen wie verstorbenen Patienten Gewebeproben entnommen werden, um daraus Zell-Linien zu ziehen und gegen horrende Summen zu verkaufen. Die Kontrollen sind lasch, die Begehrlichkeiten hoch: Gentechnik-Experten werden von den Medien wie Rock-Stars behandelt haben die Möglichkeit, durch den Handel mit Patanten auf das menschliche Genom, genau so viel Geld zu verdienen wie Rock-Stars. Es ist nicht verwunderlich, daß es dazu kommt, daß Labor-Techniker ihre eigenen "Feld-Versuche" mit genetisch veränderten Retroviren an Obdachlosen und dem eigenen drogenabhänigen Bruder durchführen, weil sie sich Ruhm und Anerkennung versprechen oder glauben, das Wunder-Medikament sei zum Greifen nah. Eigentlich erwartet man, daß diese Themen in der Tageszeitung oder einem aktuellen Sachbuch aufgegriffen werden und nicht in einem SciFi-Roman.
Das Buch ist brandaktuell, es werden immer wieder aktuelle Ereignisse, wie die Experimente auf dem Gebiet der Stammzell-Forschung unter der Leitung des Südkoreaners Hwang Woo-suk, die 2005 als Fälschung entlarvt wurden, mit der fiktionalen Handlung verwoben. Es wäre nicht verwunderlich, würde morgen in der Tagesschau über einen transgenen Orang Utan berichtet werden, der aus einem Labor in Sumatra ausgebrochen ist und in Holländischer Sprache Fluchen kann. Das letze Beispiel zeigt auch, daß NEXT mehr ist, als nur ein Wissenschafts-Thriller: Crichton hält (wie Coupland) der dekadenten und nur noch auf Oberflächlichkeiten bedachten westlichen Gesellschaft den Spiegel vor und läßt die Protagonisten die, nur auf den ersten Blick, absurdesten Prozesse, beispielsweise richterlich angeordnete DNA-Screening-Tests in Sorgerecht-Streitigkeiten, vor Gericht ausfechten, konfrontiert sie mit den schlimmsten Fällen von Vettern-Wirtschaft, Büro-Intrigen und haarsträubenden Zeitungs-Enten. Bevor der Zeitgeist die Fiktion überholt, sollte es jetzt für alle Lese-Labor-Ratten eigentlich nur noch heißen: Ran an den Schinken!

Author: nille | Permalink | Category: txt | Comments: (0)

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